»Genesis«, 2008
Ausstellungseröffnung
und Gründungsfeier des Vereins
am 30. März 2008



Die Gründungsfeier
Brigitte Kallmanns »Genesis«
»Hommage à Brigitte Kallmann«
»Einen Anfang finden«
Ausstellung »Genesis», 2008

Einen Anfang finden



die weiße fläche
einer unbedeckten wand davor

die weiße fläche
eines leer geräumten tischs davor

die weiße fläche
eines frischen blatts papier davor


Weiße Flächen gibt es viele. Der Maler steht vor der Leinwand, den Pinsel überlegend in der Hand oder den Farbeimer, den er gedankenlos auskippen wird. Der Autor sitzt vorm leeren Blatt Papier und wartet - worauf? Oder er sitzt - weil das leere Blatt inzwischen zum Klischee verkommen ist - vor dem Computerbildschirm, starrt auf den blinkenden Cursor, die leere weiße Fläche dahinter. Er öffnet wieder und wieder das E-Mail-Programm, um sich abzulenken - wovon? Wir hängen bunte Bilder vor weiße Tapeten. Wir hängen die Bilder wieder und wieder um und verrücken die Möbel. Tabula rasa sagen wir, wir machen reinen Tisch, fangen ganz von vorne an. Aber kann es diesen Anfang geben? Aus dem Nichts? Aus der Leere heraus? Ein Blatt Papier besitzt feinste Strukturen. Die Leinwand wird mit Leim grundiert. Auf der Tapete lässt sich das Rauhfasermuster erkennen: eine Gebirgslandschaft? Was ist die Leere, wenn das Tippen auf der Tastatur nach wilden Tänzen klingt? Was ist die weiße Leinwand, wenn die Sonne ihre Lichtgestalten formt? In uns spricht mit: Was jemand irgendwann zu uns gesagt hat. Was am Straßenrand unmerklich ein blühendes Muster bildet. Was von den Transparenten in die Augen knallt. Einen Anfang finden im Nichtabgeschlossenen: ein Zuhören, Zusehen, Zupacken. Ein Weiterschreiben, Weitermalen, Weiterformen. Anfangen heißt: andere Anfänge auffangen, fortführen.

Tobias Amslinger (Beitrag zur Ausstellung »Genesis« am 30. März 2008)