Pressestimmen

Schöne Erfrischung


»Festival Stallarte« in Roringen

Von Tina Lüers

Ein kleines hölzernes Haus steht neu in Roringen. Es ist aus dunklen Brettern gezimmert und auch sein schräges Dach korrespondiert mit den umstehenden Gebäuden, dem Pfarrhaus und dem Dorfgemeinschaftshaus sowie einem Einfamilienhaus.

Das Haus ist klein, kleiner als ein Gartenhäuschen, man könnte meinen, ein wenig müsste man sich bücken, um den Eingang zu passieren. Der schmale Innenraum fokussiert auf das Wesentliche: Von einer hölzernen Bank aus ist in einem Viereck der »Pfälzer Videoclip«.

Die Berliner Künstlerin Franziska Metzger lässt darin den Wald vor den Fenstern fallen, in schwarz-weißen, surrealen Landschaften mit durchaus realen Ansichten von den Alpen verbinden sich die verschiedensten Räume, Ebenen, Assoziationen. Natur wird Muster, Ort wird Folie, die entrückte Schönheit und gleichzeitige Beklemmung ist von witzigen Ideen unterlaufen und bleibt doch existent. Mit Texten wie von fern und doch sehr nahe, von sich und dem österreichischen Schriftsteller und Dramatiker Werner Schwab, führt Metzger die Besucher ihrer Hütte fort.

Die Spielorte der Bildenden Kunst des Roringer Festivals Stallarte sind auf mehrere Stellen im Dorf verteilt. Hier oben, unter Bäumen, steht ein weiteres Gartenhaus. Hier hat Daniel Kalweit eine Installation eingebaut, die durch die Fenster zu betrachten ist: »Immer daheim«. Um »Daheim - Blick über den Zaun« geht es auch bei Tamara Wahby, deren Fotografien zu Gartenzwergen, Rehlein und steinernen Löwen der Region und damit deutschen Vorgärten führen. Neben Wahby sind mit Schülern Montessori-Oberstufe, Hilke Diers, Lilly Stehling und Christel Irmscher weitere Künstlerinnen der Region mit ihren Arbeiten vertreten.

Durchblick, Einblick, Ausblick

Stehling erkundet die Topografie des abschüssigen Kirchenareals, Diers die kahle Höhe deren Turmes, Irmscher ist mit mehreren Arbeiten vertreten. Auch sie geht mit dem Kirchenraum um. Der Blick nach außen ist drinnen, grün, zu sehen, der Blick nach innen weist von draußen bereits auf die Unendlichkeit hin, Durchblick, Einblick, Ausblick: eine zeitgemäße Neuauflage der durchlichteten Struktur des Kirchenraumes. Die goldenen Äpfel der Hesperiden hängen wie zum Lufttrocknen zwischen den Zwiebeln des Bornemannschen Hofes - ewige Jugend und unendliche Häutung. Ihre sowohl sinnlichen als auch hintergründigen Installationen bieten breiten Zugang - nicht zuletzt über die Identifikation mit dem Trümmer-, dem Stein- und Mörteleimerfeld »... des anderen Last«

Zwei Podeste unter einem benachbarten Carport hat die in Japan geborene Tamaki Watanabe mit unterschiedlichen Zäunen bestellt. Sie widersprechen ihrer Funktion, werden in gebogener, mit Fahrradschlauch verzurrter Leichtigkeit zur Entgrenzung, sind Tauziehen und Standpunkt in einem und kommentieren so auf auf subtile Weise sehr schön.

Mit dem Videokünstler Mirko Martin, der derzeit auch im Kunstverein Braunschweig zu sehen ist, und Radierungen von Monika Aumann schließt der Rundgang, der die Besucher abseits von den bekannten Göttinger Ausstellungsräumen mitnimmt in eine Kunstwelt, die überaus frisch ist - und das nicht wegen der frischen Luft, die man unterwegs zu spüren bekommt. Ein Spaziergang durchs Dorf lohnt sich unbedingt.


Videokunst: Arbeit von Mirko Martin (vorn), bis 2008 Meisterschüler bei Prof. Michael Brynntrup an der Kunsthochschule Braunschweig.

(Göttinger Tageblatt vom 26. September 2009)